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Das erste Wunder

Eine Weihnachtsgeschichte für Sie zum Zuhören.

Dez
01

Freitag, 1. Dezember 2017

Ein Stern zieht durch den Saal. 

„Es ist geschehen, er ist geboren! Der Erlöser ist geboren!“

„Was hast du verloren?“ – Der alte Hirte bleibt ein anständiger Kerl, kümmert sich immer noch um seine Kameraden, hilft, wo er kann, packt an, solange die Füße tragen, holt Holz, macht Feuer, liebt die Tiere, sucht die verlorenen, hätschelt die Kinder. Alle mögen ihn. 

Viele lachen über ihn. Er kann nicht mehr so, wie er gerne möchte. Er versteht die jungen und starken Männer immer weniger, wenn sie ihre Arbeiten ausmachen, ihre Mühen preisgeben, ihre Witze am Feuer erhitzen, ihre Plagen und Klagen verteilen. Der alte Hirte hört schlecht. 

„Schon gut, Ismael!“, trösten sie ihn. „Ja, Ismael noch immer schnell“, wiederholt er und freut sich, dass sie ihn loben. Dieses Lob über die Zeit hinaus hat er wahrlich verdient. Wer weiß es noch, als er die Herde alleine vor dem Wolf beschützt hat, als er vor dem Feuer gewarnt und sie alle gerettet hat, wie er sich um die Kranken gekümmert hat, wie er der Ausdauerndste gewesen ist, wie hell und rein er gesungen hat in den einsamen Nächten?

Ein Stern zieht vorbei. 

Sie springen auf, sie packen den Überwurf, sie nehmen Nahrung und Geschenke mit, sie ziehen los. „Wohin eilt ihr?“, ruft er ihnen nach. Haben sie geantwortet? Was haben sie gesagt? Er fragt ins Leere. Sie verschwinden. Er bleibt zurück. Er ist nicht mehr gefragt. Sie brauchen ihn nicht mehr. Er ist ausgesperrt. Er ist – alleine. 

Mühselig trottet er ihnen nach. Ein Licht führt ihn auf den Weg. Sind es ihre Lampen? Wer alleine wandert, fürchtet die Nacht. Wer verlassen ist, zweifelt an sich selbst. Wer sich ausgeschlossen fühlt, bleibt stumm und in sich gefangen. Der alte Hirte will umkehren. „Meine Zeit ist vorbei. Ich belaste sie nur mehr. Ich hänge wie ein Klotz an ihrem Bein“, fühlt er und bleibt stehen. Viele fühlen wie er. 

Da spürt er wieder dieses Licht. Es flunkert und flimmert und zwinkert ihm zu. Das Lichtlein lässt ihn aufbrechen, den Weg verfolgen, langsam, ganz langsam die anderen suchen. „Ich gehöre doch zu euch!“, denkt er. „Ich will zu euch gehören“, seufzt er. Er bleibt dran. Es gelingt ihm. Er kann die anderen finden, die längst angekommen sind bei einem einfachen Stall. Und wie es hier leuchtet! Wie es hier glänzt! Hat der König sein Quartier aufgeschlagen? 

„Bleib draußen!“, flüstert ihm der Hundeführer zu. „Von außen komme ich gut vorbei, danke!“, freut sich Ismael. „Pass auf, stör es nicht, das Kind!“, rät ihm sein Anführer. „Ich seh es gut, das Rind, und auch den Esel“, platzt der Alte in die andächtige Stille hinein. In der Mitte des Stalles liegt in einer Krippe ein Neugeborenes, behütet von seiner Mutter und einem bärtigen Mann. „Zurück!“, droht dem Alten ein junger Hirte. „Ja, noch ein kleines Stück, und ich stehe vor dem Kind“, jubelt Ismael. Engelsfedern stoben in die Luft, ein Schemel mit Geschenken fällt um, ein kniender Hirte stolpert auf einen anderen, und schon steht Ismael vor dem Kind, ganz vorne. 

Er blickt in sein Angesicht und strahlt selbst, er neigt sich zum Kinde und horcht – nichts! Er beugt sich vor und horcht – nichts. Ismael neigt sich noch weiter hinunter, das Kind, es lächelt, es haucht – ein  stummes Kind, siehe da, es spricht: „Du kleiner Wortedieb!“

„Habt ihr‘s gehört: Es hat mich lieb!“

Ismael (hebräisch jischma'el, „Gott (er)hört“, arabisch Isma'il), ist der Name einer Person des Tanach, des Alten Testaments und des Korans. Im Islam zählt Ismael zu den Propheten. Nach Auffassung der drei abrahamitischen Religionen ist er Abrahams erstgeborener Sohn.

Diese von mir verfasste Legende widme und schenke ich meinem Freund Hannes Reichl.
Franz Oberascher, 26.11.2016

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